Die Mäuse und die alten Hasen im WDR
Am Anfang war es nur eine Idee. Ein leiser Gedanke, der irgendwo zwischen Deutschaufgaben, Mathearbeitsblättern und dem alltäglichen Treiben einer siebten Klasse geboren wurde: Was wäre, wenn wir einmal im Monat dorthin gehen, wo Geschichten leben, aber keiner mehr zuhört?
Die Mäuseklasse 7e nahm diesen Gedanken auf, vorsichtig zuerst, wie kleine Mäuse, die aus ihrem Loch schauen. Und in der Pflegeeinrichtung Linden-Karree in Gelsenkirchen-Buer trafen sie auf Menschen, die seit Jahren darauf warteten, dass jemand wieder an ihre Tür klopft. Menschen, die früher selbst gerannt sind, gearbeitet haben, gelacht, gehofft, verloren, neu angefangen. Menschen, die nur allzu oft übersehen werden – die alten Hasen.
Wir wollten gegen die Einsamkeit kämpfen. Nicht mit großen Reden, sondern mit kleinen Momenten. Darum hatte jeder Schüler ein Challenge-Book in der Hand – eine Sammlung von Aufgaben, die eigentlich aus dem Unterricht stammen, aber im Altenheim plötzlich zu kleinen Brücken wurden:
Ein Gedicht auswendig lernen – und plötzlich hörte man „den fliegenden Robert“ in einem Zimmer, das schon lange still gewesen war.
Ein Gedicht vortragen – und ein zittriges Lächeln huschte über ein Gesicht, das viel zu selten lächelt.
Aus einem Buch vorlesen – und die Vergangenheit öffnete sich wie ein altes Fotoalbum.
Fragen zu früheren Zeiten stellen – und die alten Hasen erzählten, als hätten sie die Jahre nur kurz abgelegt.
Fragen zur Inflation, zur Welt von heute – und manche staunten, wie klug die Mäuse schon rechneten.
Ein Mathe-Bingo spielen – und plötzlich wurde gerechnet, gelacht, gefeiert, als ginge es um den Jackpot.
Es waren nur Stunden.
Doch manchmal verändern Stunden ein Leben – oder zumindest einen Blick auf die Welt.
Und dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Unsere kleinen Begegnungen wurden groß. So groß, dass ein Kamerateam des WDR vorbeikam. Am 9. Dezember 2025 lief unser Projekt in der WDR-Lokalzeit Ruhr. Unsere Klasse saß zusammen vor dem Bildschirm, lachte, staunte, wurde rot im Gesicht – und ein bisschen stolz.
Denn „Die Mäuse und die alten Hasen“ ist längst mehr als ein Projekt.
Es ist eine leise Erinnerung daran, dass niemand zu jung ist, um jemandem die Einsamkeit zu nehmen.
Und niemand zu alt, um noch einmal gebraucht zu werden.
Am Ende waren es nicht wir, die geholfen haben.
Am Ende haben wir uns gegenseitig gefunden.
Link zum Video der WDR Lokalzeit Ruhr: https://www1.wdr.de/lokalzeit/fernsehen/ruhr/die-maeuse-und-die-alten-hasen-100.html